Wann haben Sie das letzte Mal den Zufall entscheiden lassen?
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Lebensmittelkooperativen – Regionales Handeln

Danke an Dietmar Auris, der sich für alle Interessierten und Handlungswilligen in unserem Kreis mit dem Thema „Gemeinschaftseinkauf von Lebensmitteln“ befasst hat. Es gibt einige hundert Lebensmittelkooperativen, die den direkten Einkauf, und möglichst regional, bereits erfolgreich praktizieren. Dietmar hat die Grundsätze und Grundideen zusammengefasst. Interessant für alle, die nicht mehr oder wenigstens weniger das bestehende System über die großen Warenströme weiterhin nähren wollen.

Lebensmittelkooperativen – Food-Coops

Lebensmittelkooperativen (Food-Coops) sind Zusammenschlüsse von Menschen, die den Einkauf vollwertiger und ökologischer Lebensmittel in die eigenen Hände genommen haben. Sie bestellen gemeinschaftlich und möglichst direkt bei den Erzeugern/innen. Mittlerweile gibt es bundesweit schätzungsweise 200-300 Lebensmittelkooperativen mit eigenen Lagerräumen und über 2000 „Einkaufsgemeinschaften“ ohne eigenes Lager.

Ein Grundprinzip der Gemeinschaften ist es, als zusammen geschlossene Verbraucher/innen Produkte aus ökologischem Landbau zu beziehen, die frisch und vollwertig sind. Dieser Weg ist nur durch die kooperative Zusammenarbeit aller Mitglieder einer Kooperative gangbar, welche somit das Fundament jeder Kooperative darstellt. Somit ist der sozial-politische Aspekt einer Kooperative ein gleichwertiger Grundsatz neben dem ökologisch/ökonomischen Hintergrund.

Die Mitglieder der Einkaufsgemeinschaften entziehen mit ihrer Ernährungsweise der konventionellen Agrarindustrie, die zur Zerstörung unserer Lebensgrundlage beiträgt, die Unterstützung. Die Einkaufsgemeinschaften beziehen z.B. alternativ gehandelten Kaffee und Tee aus biologischem Anbau aus genossenschaftlicher Produktion in „Dritte-Welt“ Ländern, zu Preisen über dem Weltmarktniveau.

Durch den Direktbezug der Waren und die in der Regel unbezahlte Arbeit entfällt der Preisaufschlag des Einzelhandels. Dadurch und die gemeinschaftliche Übernahme der Arbeiten ergeben sich günstigere Preise für Naturkost, ohne dass die Preise auf der Erzeugerseite gedrückt werden. Im Gegenteil erhalten die Höfe so oft mehr als vom Großhandel. Die Preise werden auf diese Weise auch von Mitgliedern mit geringerem Einkommen akzeptiert.

Der direkte Kontakt zu den Erzeugenden, der auch persönliches Kennen lernen und Besuche auf den Höfen einschließt, leistet einen Beitrag zur Aufhebung der Entfremdung von unseren Nahrungsmitteln. Sie erlangen so eine angemessene Bedeutung. Der Direktbezug verbessert Information und Kontrolle über die Herkunft der Lebensmittel. Die Einkaufsgemeinschaft schafft Kontakte zwischen den Menschen aus der Nachbarschaft, die oft auch über die Einkaufsgemeinschaft hinausgehen.

Bei einer Einkaufsgemeinschaft mitmachen, vergrößert den selbstbestimmten Lebensbereich: In der Gemeinschaft organisieren die Mitglieder ihre Lebensmittelversorgung basisdemokratisch. Die s.g. Food-Coops sind ein Schritt vom fremdbestimmten Konsumieren zur bewussten Auseinandersetzung mit unseren Lebensgrundlagen.

In einer Einkaufsgemeinschaft wird Engagement und Einsatzbereitschaft jedes Mitgliedes vorausgesetzt. Jedes Mitglied muss einen Teil der Arbeit übernehmen. Die Kooperative erfordert daher mehr Zeit als Einkaufen. Gemeinschaftssinn und Vertrauen tragen sehr zum Gelingen einer Kooperative bei. Die Kooperative ist mehr als nur eine reine Einkaufsgemeinschaft. Gemeinsame Gespräche über gesundes Essen, mögliche Weiterentwicklung oder Problemsituationen in der Gruppe oder auch Austausch bzw. Ausprobieren neuer Ideen und Vorschläge machen es möglich, neue Lebensformen zu entdecken. Wichtig ist auch, dass die Finanzen und Organisation in Ordnung gehalten werden, weil dadurch am ehesten Streit und Frustration vermieden werden können.

Die Lebensmittelkooperativen sind so verschieden, wie die Menschen, die sie betreiben. Die eine Lebensmittelkooperation ist nicht existent und lässt sich nicht definieren. Doch trotz der Unterschiede, die die Vielfalt der Strukturen ausmachen, lassen sich Gemeinsamkeiten festlegen, auf deren Basis sich Lebensmittelkooperativen zusammenfinden können.

Eine Kooperative besteht aus einer festen Gruppe von Mitgliedern. Deren Ziel ist es, kostendeckend und gewinnfrei zu wirtschaften. Sie setzt Engagement für das unbezahlte Arbeiten und das kollektive Management voraus und erfordert mehr Zeit, als für den Einkauf im Laden nötig ist. Jedes einzelne Mitglied übernimmt Verantwortung für die Kooperative. Die Kooperative gehört allen Mitgliedern zu gleichen Teilen. Entscheidungen werden auf demokratischen Wegen gefunden, sowie auch die Auswahl der Produkte gemeinschaftlich geschieht.

Die Lebensmittelgemeinschaften sind hierarchiefrei gedacht; die Mitglieder treffen Entscheidungen gemeinsam. Die Mitglieder treffen sich monatlich bis vierteljährlich. Bei diesen Treffen werden Arbeitskoordination, Organisationsfragen, Verbesserungsvorschläge und gemeinsame Aktivitäten besprochen. Alle Arbeiten wie Ware bestellen, Ladendienst, Finanzen abrechnen werden untereinander aufgeteilt. Darüber hinaus gibt es in manchen Gemeinschaften Leute, die Produktinformationen einholen und solche, die die Gemeinschafts-Idee in der Öffentlichkeit bekannt machen.

Die Gruppe verteilt die Arbeit möglichst gleichmäßig auf die Mitglieder. Hier stellt sich die Frage, wie lange ein Mensch für eine Arbeit zuständig sein soll. Nachteil von seltenem Wechsel ist die Arbeitsbelastung für Einzelne, Vorteil ist die kompetente Erfüllung der übernommenen Aufgabe. Häufiges Wechseln schafft wahrscheinlich eine größere Übersicht und Verantwortlichkeit bei mehr Mitgliedern in Bezug auf die gemeinsame Sache, andererseits vielleicht mehr Chaos. Ein Mittelweg sind Kleingruppen, die jeweils für etwas längere Zeit mit einem Bereich vertraut sind und sich intern abwechseln.

Alle Lebensmittel sollten aus kontrolliert biologischem Landbau stammen. Ausnahmen machen manche Einkaufgemeinschaften nur dann, wenn es in einer Produktgruppe nur konventionelle Angebote auf dem Markt gibt. Ökologisch vertretbare Gebrauchsgüter z.B. umweltfreundliche Waschmittel ergänzen das Angebot.

Waren aus der Region werden bevorzugt. Nur so sind persönliche Kontakte zu Erzeugenden und ein energiesparender Transportweg möglich. Die Einkaufsgemeinschaften bevorzugen saisongemäßes Obst und Gemüse. Grundsätzlich wird der Direktbezug dem Großhandelsbezug vorgezogen. Dabei werden auch Umstellbetriebe und konventionelle Kleinbetriebe einbezogen. Produkte aus beheizten Treibhäusern sollen vermieden werden.

Neben den unterschiedlichen Strukturen, die das Funktionieren einer Kooperative garantieren, ist auch das Ausmaß, indem eine Kooperative organisiert ist, sehr verschieden. So gibt es Kooperative, die eine Vereinsstruktur als e.V. oder als große Kooperative als Genossenschaft organisiert, gewerblich angemeldet sind, hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigen und ein Vollsortiment mit Lagerhaltung führen.

Neben diesen, gut durchorganisierten Kooperativen, gibt es andere, die ohne Vereinsstrukturen, gewerbliche Anmeldung und ohne Lagerhaltung den Warenbezug und die Warenverteilung in mehr oder weniger regelmäßigen Treffen absprechen. Alle anfallenden Arbeiten werden ehrenamtlich ausgeführt. Die Zusammensetzung des Warensortiments richtet sich nach den aktuellen Bedürfnissen der einzelnen Mitglieder. Bei manchen Kooperativen gibt es keine Lagerhaltung. Hier wird die gesamte Lieferung gleich vollständig unter den Mitgliedern verteilt, was genaue Einzelbestellungen der Mitglieder erfordert.

Da die Einkaufsgemeinschaften geschlossene Gruppen sind (d.h. nicht an Außenstehende verkaufen), haben sie nichts mit dem Gesundheitsamt zu tun. Da sie keinen Gewinn erwirtschaften, ebenso wenig mit der Gewerbeaufsicht. Empfehlenswert ist für kleine und mittlere Kooperativen die Rechtsform des eingetragenen Vereins, da dort Haftung und Verantwortung gut verteilt sind. Die Steuer muss erklärt werden. Basis dafür ist das Ergebnis einer jährlichen Inventur, alle Lieferungen an die Kooperative, alle Einkäufe der Mitglieder in einem Kontobuch nach den beiden Steuersätzen sortiert und die Nebenkosten wie Miete und Strom. Die Vorsteuer auf möglichen Warenschwund wird erstattet.

Es gibt in einigen Regionen regelmäßige Zusammentreffen zwischen den Kooperativen z.B. im Berliner Raum, Sachsen und am Niederrhein. Bundesweit sind einige Kooperativen in der Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen e.V. organisiert. Die Arbeit darin geschieht ehrenamtlich, einmal im Jahr wird ein Treffen organisiert, Informationen aus der Szene gibt die Homepage unter: http://www.lebensmittelkooperativen.de

Die Lebensmittelgemeinschaften und Naturkostläden stehen nicht in Konkurrenz zueinander. Sie haben unterschiedliche Zielgruppen. Wer mehr Zeit hat als Geld, kann sich für eine Kooperative entscheiden, wem es eher an Zeit als an Geld mangelt, für die ist der Bioladen ideal. Den Lebensmittelgemeinschaften kommt es im Gegensatz zu großen Supermarktketten darauf an, über alternative Vermarktungswege eine ökologische und soziale Landwirtschaft zu fördern.

Eine Kooperation ist ein lebendiger sozialer Organismus, für den Selbstverwaltung entscheidend ist. Die Kooperativen sind daher in verschiedene Gruppen aufgeteilt, die sich abstimmen, wie z.B. die Bestellgruppe, die Abholgruppe, die Kooperativen-Dienstgruppe, die Finanzgruppe u.w.m.

Lebensmittelgemeinschaften wollen über den eigenen Tellerrand hinausgucken; nicht nur an die eigene Gesundheit, sondern auch daran denken, welche Erzeuger/innen und somit Anbauweise wir durch unsere Ernährungs- und Lebensgewohnheiten unterstützen.

Weitere Informationen über die Lebensmittelgemeinschaften und deren Gründung sind zu finden unter: http://www.lebensmittelkooperativen.de

(Zusammenfassung von Dietmar Auris aus dem Leitfaden zur Neugründung einer Lebensmittelkooperative der Bundesarbeitsgemeinschaft der Lebensmittelkooperativen e.V.)

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