Menschen lieben es, tote Pferde zu reiten. Therapie tötet Heilung.
Zwischen Chemotherapie, Skalpell und Engelskarten gibt es eine unausgesprochene Allianz, die sich darauf verständigt hat, gesundheitliche Abweichungen am Körper als Krankheiten zu bezeichnen. Wie grotesk diese Annahme ist, mag dabei das folgende technische Beispiel illustrieren.
Eines schönen Tages leuchtet unerwartet ein Kontrolllämpchen Deines High-Tech-Autos auf. Es vermiest Dir fortan jeden Kilometer, weil Du nicht weisst, was es zu bedeuten hat und weil es beim Fahren störend im Blick ist. Wie soll ich mich da noch auf den anderen Verkehr konzentrieren können? Zwar glänzt Dein Auto mit einer Bedienungsanleitung, doch die war Dir immer schon zu umfangreich. Da Du von Anbeginn einen unauffälligen Bogen um die abschreckend dicke Schwarte gemacht hast, konntest Du auch nicht erfahren, dass von den 300 Seiten 280 in Fremdsprachen abgefasst sind. Nur 20 Seiten hätten Dein Lebensglück gestärkt.
Der Versuch, durch Atemübungen die schwelende Spannung abzuschwächen, scheitert kläglich. Immer wieder verkrampft es sich in Dir „Und wenn es nun doch etwas Ernstes ist“. Ja, dann könnte jeder weitere Kilometer gewaltigen Schaden anrichten.
Auf die Idee, in die Bedienungsanleitung zu schauen, kommst Du, obwohl des Lesens mächtig, immer noch nicht. Stattdessen fährst Du irgendwann, angetrieben durch die unablässig steigende Spannung in die nächste Vertragswerkstatt.
Nach einer längeren Wartezeit in einer Wolke aus Altöl und Gummigeruch begrüßt Dich der Werkstattleiter mit vertrauenerweckendem kundigem Blick. Gleich fühlst Du Dich besser, er wird es schon richten. Mit lässiger Sicherheit schwingt sich der Blaukittel zur Diagnose hinter das Lenkrad Deines kränkelnden Vehikels und schon nach kurzer Zeit hat der Fehler einen Namen. Es ist die Ölstandkontrollleuchte, die Dir so manchen Kilometer vermieste. Und so leicht die Erklärung gefunden war, so leicht steht im gleichen Moment schon die Therapie fest. „Ich schlage vor, wir nehmen die Sicherung heraus, damit dieses störende Blinken der Kontrollleuchte erlischt. Alternativ könnte ich Ihnen vorschlagen, dass wir in diesem Bereich des Armaturenbrettes mit einem dunklen Lack die optischen Irritationen des Lämpchens abschwächen. Vielleicht können wir sie sogar ganz verhindern, dann müssten wir allerdings die Kontaktdrähte kappen. Dieser Eingriff wäre etwas umfangreicher. Aber Sie hätten natürlich auf Dauer Ruhe, was ich Ihnen beim Lackieren der Oberfläche nicht garantieren kann.“
Du nickst entspannt, „ja, wenn der Fachmann das sagt, wird es so gut sein“, denkst Du und entscheidest Dich aus Kostengründen für die Lackierung der Lampenoberfläche in einem rassigen Schwarz. Der ultimative Eingriff zum Kappen der Kabel ist Dir zunächst zu gewalttätig und vor allem zu teuer. Nach einer weiteren Stunde des Wartens ist alles erledigt. Hinter dem rallyeschwarz lackierten Streifen auf dem Kombiinstrument, ist das Leuchten der roten Lampe nur noch ganz schwach zu erkennen. Einige tausend Kilometer später qualmt plötzlich der Motor. Du fährst nicht mehr, sondern wirst in die Werkstatt gefahren. Der Blaukittel kommt mit souveränen Schritten und einem wissenden Lächeln auf Dich zu und schwingt sich hinter…..
Halt, Halt, was für einen haarsträubenden Unsinn schreibt der denn hier, mögen Deine entrüsteten Gedanken sein. Wer ist denn so blöd und lässt einfach ein Kontrolllämpchen überspritzen oder sonst wie außer Funktion setzen? Recht hast Du, das ist kompletter Blödsinn und erst recht mit der allgemein bekannten Ölstandskontrollleuchte. Ich pflichte Deiner Entrüstung bei, doch dann erkläre mir bitte folgendes: Wie kann es sein, dass für über 500 Milliarden Euro jährlich die Menschen nicht zu Blau-, sondern zu Weißkitteln laufen und sich die Lämpchen ausbauen lassen? Die Bedienungsanleitung des menschlichen Körpers ist kaum länger als die eines einfachen Mittelklassewagens. Warum kennt sie keiner?…
Der Narr
Hier geht es weiter zu Teil 4.